| Februar 2002 | Dampfeisenbahn | |||
| Flappys
Kolumnen: Januar 2002 Februar 2002 März 2002
|
Kürzlich habe ich mit angehört, wie Herrchen mit einem Bekannten von ihm, Manuel, telefoniert hat. Dabei ging es um Christentum und zivilisatorischen Fortschritt. Manuel machte dabei ein Statement, daß er ganz froh wäre, daß es das Christentum historisch gegeben habe. Denn Manuel ist behindert und sitzt im Rollstuhl, und für Behinderte hatten die alten Germanen vermutlich nicht viel übrig, wenn es nicht gerade Veteranen aus irgendwelchen Schlachten waren. Dank des Christentums sei das in unserer heutigen Gesellschaft anders. Herrchen antwortete mit einem schönen Vergleich: auch ich bin froh über die Erfindung des Christentums, genauso wie über die Erfindung der Dampfeisenbahn. Dieser Vergleich ist es wert, etwas näher betrachtet zu werden. Denn er hat zwei wichtige Aspekte, die nicht jedem auf Anhieb klar sind. Die ersten Dampfeisenbahnen wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Großbritannien gebaut; die ersten Güterzüge fuhren um 1825 von Stockton nach Darlington/England. Passagiere wollten zunächst keine mitfahren, da sie den Dampflokomotiven mißtrauten. Doch bald schon gab es auch Passagierzüge. Im Mai 1848 stellte eine Lok der Great Western Railroad (England) einen Weltrekord auf: sie fuhr die Strecke von London (Paddington-Station) nach Didcott (85 km) in 47,5 Minuten. Das ergab eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 108 km/h. Für uns heute mutet das langsam an, aber damals war es absoluter Weltrekord. Vor der Erfindung der Eisenbahn war die Fortbewegung auf dem Land auf die Geschwindigkeit von Pferden beschränkt. Selbst die schnellsten Reitpferde schaffen nur 70 km/h, und das nur für kurze Zeit.Schiffe auf Flüssen waren keinesfalls schneller, sondern langsamer, außer an wenigen Stellen mit extrem starker Strömung (aber die sind meistens nicht schiffbar). Durch die Dampfeisenbahn waren Reisen möglich, die vorher nur schwer durchführbar waren. Damit veränderte sich der Bewegungsradius des Menschen um ein Vielfaches. Denn die Dampflokomotiven wurden noch schneller. Die schnellste Dampflok der Welt (englische Mallard-Lokomotive, 1938) erreichte 201 km/h. Wir verdanken der Dampfeisenbahn also einen ganz wesentlichen Fortschritt, einen Fortschritt, für den ich dankbar bin. Aber (und jetzt kommt das große Aber): heute gibt es kaum noch Dampfeisenbahnen. Für den normalen Bahnverkehr gibt es inzwischen Dieselloks und immer mehr Elektroloks. Die meisten Züge, wie etwa der ICE, verkehren nur noch elektrisch, ansonsten wären Fahrzeiten wie dreieinhalb Stunden von Frankfurt nach Hamburg nicht zu schaffen. Die Dampfeisenbahnen sind auf Museumsstrecken und Sonderfahrten beschränkt. Genauso ist es mit dem Christentum. Einige soziale Fortschritte, etwa die Behandlung von Behinderten oder den Sonntag, verdanken wir dem Christentum, und dafür bin ich dankbar. Aber trotzdem wurde es inzwischen überholt - von den neuen Naturreligionen. Diese sind, mit "Mjölnir-Antrieb" (Elektrizität) versehen, die "spirituellen ICEs und ICs" unserer Zeit. Und damit lassen sie die Dampfloks in mancher Hinsicht ganz schön alt aussehen. Ciao, Dein Flappy |