| Juni 2001 | Ahnen oder Damals in Pangäa | |||
| Flappys
Kolumnen: Mai 2001 Juni 2001 Juli 2001
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Solange ich ihn kenne, beschäftigt sich Herrchen mit vielen rätselhaften und mystischen Dingen, dazu gehören auch religiöse Dinge. In den letzten Jahren beschäftigt sich Herrchen verstärkt mit Naturreligionen. Das sind diejenigen Religionen, die früher von der Kirche als "heidnisch" beschimpft und bekämpft wurden. Die meisten von ihnen gab es schon vor dem Christentum. Sprich: sie sind recht alt. Heute leben viele von ihnen wieder auf. Es gibt fast mehr naturreligiöse Traditionen, als es Heiden gibt. Aber wie alt sind diese Traditionen denn? Das fragen sich viele moderne Heiden. Und einige von ihnen nehmen es ganz furchtbar wichtig. Da gibt es dann Berichte von Familientraditionen, die sich bereits seit mehreren tausend Jahren jährlich im Kanutenwald treffen. Ganz extreme Richtungen gehen gar zurück auf das mythische Atlantis (aber die kann man wohl nicht ernst nehmen). Für alle gilt aber: die archäologischen Funde sind dürftig, und schriftliche Quellen gibt es gleich gar nicht, denn die alten Druiden haben nichts aufgezeichnet. Auf jeden Fall hat mich diese ganze Traditionssuche inspiriert, und ich habe mal selbst nachgeforscht nach alten Traditionen. Was ich da gefunden habe, das will ich jetzt berichten. Eins vorweg: wir Pocketgeier können nicht so ohne weiteres mit Celtoi, Asatru etc. verglichen werden, denn wir sind keine europäische Tradition. Sicher, werden jetzt einige ganz schlaue sagen, ihr stammt ja aus Australien, und erst Mitte des 19. Jahrhunderts sind die ersten von euch nach Europa gekommen. Nein, die Wahrheit ist viel schlimmer. Wir stammen aus einer Zeit, als es weder Australien noch Europa gab. Unser erster nachgewiesener Vorfahr flitzte durch die Ebenen eines riesigen Kontinents, der sich vom Nord- bis zum Südpol erstreckte. Dieser Superkontinent hieß Pangäa. Auf ihm lebten viele urzeitliche Tiere, die sogenannten "Säugerähnlichen Reptilien". Und mitten unter ihnen trieb sich unser Vorfahr herum. Man nennt ihn Eoraptor ("Räuber der Dämmerung"), denn er war die Dämmerung einer neuen Gruppe von Lebewesen: der Dinosaurier. Eoraptor war nicht sehr beeindruckend, denn er hatte etwa die Körpergröße einer Gans. Aber er war eben einer der ersten. Nur ein Saurier-Skelettfund ist älter: auf Madagaskar fand man vor kurzen den Kieferknochen einer anderen Saurierspezies, die zwei Millionen Jahre vor Eoraptor existierte. Aber da hat man bisher nur den einen Kieferknochen; von Eoraptor gibt es immerhin ein fast vollständiges Skelett, gefunden 1991 in Argentinien. Wie alt aber ist nun Eoraptor? werdet ihr euch fragen. Haltet euch fest, ihr Traditionsfreaks: sein Alter beträgt 248.000.000 Jahre (in Worten: zweihundertachtundvierzig Millionen Jahre). Seitdem ich das weiß, kann ich über eure mehrere tausend Jahre Tradition nur noch müde lächeln. Ihr fragt euch jetzt sicher, wie es nach dem Eoraptor weitergeht. Also das kann ja kurz erzählen. Erstmal kam vor circa 225 Millionen Jahren eine Katastrophe über Pangäa, die 90% aller damaligen Spezies ausgelöscht hat, darunter praktisch alle Säugerähnlichen Reptilien. Aber Eoraptor muß überlebt haben, den vor 210 Millionen Jahren haben wir seinen direkten Nachfahren: Coelophysis. Der hat es sogar zum Fernsehstar geschafft in der BBC-Serie "Walking with Dinosaurs" (deutsch bei Pro 7). Einer der Nachfahren von Coelophysis muß dann die Federn erfunden haben, die zunächst als Wärmeschutz dienten. MAn weiß das, weil man seine Nachfahren Sinosauropteryx und Protarchaeopteryx ausgegraben hat, in China. Der erste Urvogel, der berühmte Archaeopteryx, ist etwa 150 Millionen Jahre alt. Da gab es Pangäa schon nicht mehr. Kurz danach trat Hesperornis auf, der noch nicht fliegen konnte und sich von Fischen ernährte. Der erste nachgewiesene Vogel, der richtig fliegen konnte, war Iberomesornis. Er lebte vor etwa 100 Millionen Jahren und flatterte den damaligen Sauriern vor der Nase herum. Zunächst hatte er noch unter der Konkurrenz der Pterosaurier zu leiden (Flugsaurier, deren größter (Ornithocheirus) eine Spannweite von 13 m entwickeln konnte). Aber vor 65 Millionen Jahren schlug der berühmte "Saurier-Killer"-Asteroid ein, und dann war für die Saurier die Party vorbei. Nicht aber für uns Vögel, denn wir legten dann erst richtig los. Die ersten Papageien tauchten dann vor etwa 50 Millionen Jahren auf, und von denen stammen wir Pocketgeier ab. Sicher werdet ihr jetzt aufschreien und argumentieren, daß das ja nicht zählt. Denn Eoraptor war zwar unser Vorfahr; aber er war eben noch kein Pocketgeier. Und vom Eoraptor bis heute hat sich ja einiges geändert. Gut, dann frage ich euch: hat sich in euren Traditionen nie etwa geändert? Gilt noch alles bei euch genau so wie vor 4000 Jahren? Und das, obwohl sich die Welt in 4000 Jahren ziemlich verändert hat! Ist das nicht ein bißchen arg konservativ, immer alles gleich zu lassen? Wenn sich aber was geändert hat (was ich sehr hoffe): welche Rolle spielt es dann, wie alt eure Tradition ist? Die Hauptsache ist doch daß ihr euch in eurer Tradition wohl fühlt, und daß sie zu eurer heutigen Lebenssituation paßt. Denn ihr lebt heute, und nicht vor 4000 Jahren im Kanutenwald. Und schon gar nicht auf Pangäa. Euer Flappy
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