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| Flappys
Kolumnen: April 2001 Mai 2001 Juni 2001
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Seit mich Herrchen
1994 aus der Tierhandlung geholt hat, steht mein Käfig in seinem
Wohnzimmer. Dabei ist er immer so plaziert, daß ich auf Herrchens
Fernseher schauen und sozusagen mit fernsehen kann. Herrchen
schaut sich meistens Spielfilme an, die haben immer neue Personen, außer
es sind Fortsetzungen von anderen Spielfilmen. Aber es gibt auch ein paar
kurze Spielfilme, die haben sehr viele Fortsetzungen, und die kommen
einmal die Woche. Herrchen nennt sie "Serien".
Eine dieser Serien ist mir besonders aufgefallen. Sie hat zwei Hauptpersonen, einen Mann und eine Frau. Meistens in so Serien geht es dann darum, daß sich der Mann und die Frau irgendwie lieben, aber in dieser Serie ist das anders. Die beiden arbeiten zusammen bei einer ganz großen amerikanischen Behörde, die sich mit der Aufklärung von Verbrechen beschäftigt. Dort untersuchen sie ganz besondere Verbrechen, nämlich solche, für die es keine normale Erklärung gibt. Sie haben dazu einen Aktenschrank, da sind die Unterlagen über die komischen Verbrechen drin, die sogenannten "X-Akten". Sie ziehen zusammen los, um den komischen Verbrechen nachzugehen. Meistens hat der Mann im Laufe der Ermittlungen ziemlich schnell eine Erklärung, die noch seltsamer ist als das Verbrechen selbst. Die Frau schüttelt dann den Kopf und erklärt ihm, daß seine Erklärung doch gar nicht sein kann. Wer recht hat, stellt sich meistens am Ende heraus, und das nicht immer. Herrchen tendiert meistens dazu, dem Mann recht zu geben, während ich eher auf der Seite der Frau bin. Nach etwa einer Saison ist mir aufgefallen, daß es hinter der Serie einen roten Faden gibt. Immer wieder kommen die beiden an Fälle, in denen es um UFOs und Aliens (Außerirdische) geht. Das ist das Lieblingsthema des Mannes; er hat sogar in seinem Büro ein großes Plakat an der Wand "I want to believe!". Daher versucht er immer wieder, der Welt zu beweisen, daß es UFOs gibt. Aber genau das kann er nicht. Denn es gibt auf der Welt eine große Verschwörung, in der sich die Aliens mit der US-Regierung zusammengetan haben. Und diese Verschwörung greift dauernd in die Ermittlungen ein und macht die Beweise kaputt, so daß der Mann am Schluß immer ohne alles dasteht und nicht einmal die Frau ihm glaubt. Die Sendung hat Herrchen dazu gebracht, mal ein paar Bücher zu holen, in denen es um weltweiter Verschwörungen geht. Wer weiß, hat er gedacht, vielleicht sind die ja echt, und dann müßte man genau achtgeben, daß man nicht auf sie reinfällt. Das erste war nicht ein einzelnes Buch, sondern gleich eine Trilogie. Auf dem Titel sieht man ein Auge in der Pyramide. Dieses Auge ist ein geheimes Zeichen einer ganz geheimen Geheimgesellschaft, den "Bayerischen Illuminaten". Diese wurden am 1. Mai 1776 gegründet in Ingolstadt. Sagt zumindest eine Variante, die im Buch steht. In Wahrheit können sie auch noch viel älter sein; das Buch bietet da mehrere Möglichkeiten an. Was aber wichtig ist: die Bayerischen Illuminaten, deren geheime Losung übrigens "Ewige Blumenkraft" lautete - haben sofort begonnen, den Staat Bayern zu unterwandern. Der bayerische Kurfürst hat das rausgekriegt und fand das nicht gut, weshalb er sie offiziell 1785 verboten hat. Sprich: 1785 wurden sie aufgelöst. Wirklich? Stimmt ja gar nicht, sagt die Trilogie. Denn in Wahrheit haben die Illuminaten im Untergrund weitergemacht. Und sie waren dabei sehr erfolgreich - so erfolgreich, daß sie inzwischen fast die ganze Welt unterwandert haben. Natürlich alles ganz heimlich, damit es keiner merkt. Aber ein paar Spuren haben sie schon hinterlassen. So findet man etwa auf der Ein-Dollar-Note das Illuminaten-Zeichen (das Auge in der Pyramide). Das beweist, so die Trilogie, ganz klar, daß die Illuminaten die Regierung der USA unterwandert haben. Denn wie käme sonst ihr Symbol auf den Dollar? Warum die Illuminaten aber nur die Ein-Dollar-Note genommen haben, und nicht fünf oder zehn Dollar, das erklärt die Trilogie nicht. Und die Hippie-Bewegung mit der "Flower Power" war auch von ihnen unterwandert. Denn erinnert "Flower Power" nicht fatal an "Ewige Blumenkraft", den geheimen Illuminatengruß? Ein anderes, ganz dickes Buch hat Herrchen auch noch. Den Titel habe ich vergessen, es geht um ein Pendel oder so. Geschrieben hat es ein gewisser Umberto Eco, der auch das Buch zum "Namen der Rose" geschrieben hat (schöner Film übrigens). In dem Buch geht es um eine Verschwörung der Tempelritter, die im Mittelalter schon einen Plan zur Eroberung der Weltherrschaft hatten. Der Plan ging über insgesamt 600 Jahre hinweg (das nenne ich langfristige Planung). Aber leider stimmt das alles nicht, denn den Plan haben sich drei gelangweilte Lektoren eines Verlages nur ausgedacht und als Grundlage eine Wäscheliste aus dem Mittelalter genommen. Schade, die Verschwörung war so gut konstruiert, die hätte glatt existieren können. Eco hat sogar viele, viele "Beweise" geliefert. Ein drittes Buch, das sich auch mit den Illuminaten beschäftigt, hat Herrchen auch mal ausgeliehen. Aber bei dem Buch ist etwas passiert, das ich sonst noch nie bei Herrchen erlebt habe. Er hat abwechselnd gelacht und die Stirn gerunzelt, und nach etwa hundert Seiten hat er es vor Wut in die Ecke geschmissen und konnte erst am nächsten Abend weiterlesen. Den Rest vom Buch hat er aber nicht mehr ganz gelesen, weil er es unerträglich fand. Das Buch behandelt auch die Illuminaten, aber behauptet, die seien eine Verschwörung "der Juden". Als Beweis führt es die "Protokolle der Weisen von Zion" auf, die aber laut Herrchen schon seit hundert Jahren als Fälschung entlarvt sind. Außerdem behauptet das Buch, das Dritte Reich hätte gegen die Illuminaten angekämpft, und versucht so, im Nachhinein die Nazis als die "Guten" hinzustellen. Ehrlich gesagt, bei so Argumenten sträuben sich mir alle Federn. Die Krönung des Schwachsinns: Das Buch behauptet, daß die Nazis heimlich sogenannte "Reichsflugscheiben" oder "Haunebus" erfunden haben. Mit diesen "Haunebus" ist dann eine Nazi-Elite nach dem 2. Weltkrieg in die Antarktis geflüchtet, wo sie heute noch sind. Alle UFO-Sichtungen gehen in Wahrheit auf "Reichsflugscheiben" zurück. Warum aber dann aus den Nazis (die vermutlich blond und blauäugig waren) plötzlich kleine graue Aliens mit großen schwarzen Augen geworden sind, erklärt das Buch nicht. Außerdem ist als Beweis der "Haunebu"-Theorie ein UFO-Foto von 1952 abgedruckt, das in Wahrheit eine Billardtischlampe in Großaufnahme zeigt, also eine Fälschung ist. Wie ihr seht, ist dieses Buch also ziemlich daneben, und ich finde, Herrchen hat es zu recht in die Ecke geschmissen. Was soll man auch von einem Autor halten, der als Pseudonym sich "Jan van Helsing" nennt? Schlimm finde ich nur, daß das Buch hunderttausendmal verkauft wurde, bevor es verboten wurde. Zurück zu den Verschwörungen: natürlich ist es bestechend, alles, was auf der Welt vorgeht, als Werk einer Verschwörung hinzustellen. Das hat vor allem einen Vorteil: man hat immer jemand, der schuld ist, egal was passiert. Wenn mir z.B. beim Backen der Kuchen nicht aufgeht, könnte das daran liegen, daß ich das Backpulver vergessen habe. Es könnten aber auch die Illuminaten in einem unbeobachteten Moment am Kuchen manipuliert haben (wer beobachtet denn schon nonstop einen Kuchen im Ofen?). Und was ist schon ein vergessenes Backpulver gegen eine weltweite Verschwörung, die die Menschheit kontrolliert? Was ich damit sagen wollte: weltweite Verschwörungen existieren nur dann, wenn man an sie glaubt. Eco hat gezeigt, wie man sich wunderbar aus historischen Fakten eine Verschwörung basteln kann. Ich selbst lebe lieber ohne. Welche ernsthafte Verschwörung würde sich auch schon mit einem Wellensittich beschäftigen? Bin ich denn so wichtig? Ewige Blumenkraft! Euer Flappy Buchempfehlung: Robert Anton Wilson, Lexikon der Verschwörungstheorien, Eichborn Verlag 1996 |